Warum schneit es trotz Plusgraden? Wie 850-hPa-Temperatur, Luftfeuchte und Niederschlagsabkühlung entscheiden, ob Flocken den Boden erreichen.
Auf der Wetterkarte breitet sich kalte Luft aus, in 850 hPa werden minus fünf Grad berechnet – und vor dem Fenster fällt trotzdem Regen. Wenige Täler weiter kann es bei derselben Höhentemperatur bereits kräftig schneien. Der scheinbare Widerspruch löst sich auf, wenn man den Weg einer Schneeflocke verfolgt: Zwischen Wolke und Boden durchquert sie unterschiedliche Luftschichten. Ob sie als Flocke ankommt oder unterwegs zum Regentropfen wird, entscheidet die gesamte Strecke.
Die 850-hPa-Temperatur liefert dafür einen wichtigen Ausgangspunkt. Sie zeigt, wie kalt oder mild die Luft in einem häufig genutzten Höhenniveau ist. Eine fertige Schneefallgrenze lässt sich daraus jedoch nicht ablesen. Die Titelgrafik veranschaulicht eine historische GFS-Prognose für den 21. November 2024; sie dient hier als Kartenbeispiel und zeigt keine aktuelle Vorhersage.
850 hPa: eine Druckfläche, keine feste Höhenmarke
Mit zunehmender Höhe nimmt der Luftdruck ab. Dort, wo er auf 850 Hektopascal gesunken ist, liegt die sogenannte 850-hPa-Druckfläche. In Mitteleuropa befindet sie sich häufig ungefähr 1.500 Meter über dem Meeresspiegel. Ihre tatsächliche Höhe schwankt allerdings mit der Wetterlage und dem Aufbau der Luftsäule. Wer Temperaturen verschiedener Orte vergleicht, betrachtet deshalb dieselbe Druckfläche, aber nicht zwangsläufig dieselbe geometrische Höhe.
Meteorologen nutzen dieses Niveau, weil sich dort Luftmassen und ihre Grenzen oft deutlicher erkennen lassen als an einzelnen Bodenstationen. Eine von der Sonne erwärmte Stadtstraße oder eine frostige Wiese prägen die Temperatur in zwei Metern Höhe unmittelbar. Weiter oben ist dieser Einfluss häufig schwächer, allerdings nicht grundsätzlich verschwunden. Im Hochgebirge kann die 850-hPa-Fläche sogar unter dem Gelände liegen; dort ist sie für die örtliche Schneefallgrenze keine geeignete Referenz. Die Karten der 850-hPa-Temperatur helfen vor allem dabei, Kaltluftvorstöße und Luftmassengrenzen zu verfolgen.
Die Nullgradgrenze ist erst der Beginn der Schmelzzone
Stellen wir uns eine Schneeflocke vor, die aus einer kalten Wolke fällt. Erreicht sie eine Luftschicht mit Temperaturen über null Grad, verschwindet sie nicht schlagartig. Das Schmelzen benötigt Wärme und Zeit. Wie viel von der Flocke übrig bleibt, hängt unter anderem davon ab, wie warm und wie mächtig die durchquerte Schicht ist. Auch Größe und Beschaffenheit der Schneeteilchen sowie die Luftfeuchtigkeit beeinflussen den Weg nach unten.
Die Nullgradgrenze bezeichnet die Höhe, in der die Lufttemperatur null Grad beträgt. Die Schneefallgrenze beschreibt dagegen den Übergang zwischen überwiegend festem und überwiegend flüssigem Niederschlag. In einer normalen Schichtung mit nach unten wärmerer Luft liegt sie meist unterhalb der Nullgradgrenze. Dazwischen kann es über einen breiteren Höhenbereich Schneeregen geben. Eine scharfe Linie, oberhalb der jede Flocke erhalten bleibt und unterhalb der sofort nur Regen fällt, existiert in der Atmosphäre selten.
Ein Rechenbeispiel zeigt den Nutzen – und die Grenze
Für ein bewusst vereinfachtes Beispiel liege die 850-hPa-Fläche auf 1.500 Metern über dem Meer, bei einer Temperatur von minus drei Grad. Nehmen wir zusätzlich an, die Luft werde nach unten gleichmäßig um 0,6 Grad je 100 Meter wärmer. Dann wären die drei Grad Temperaturunterschied nach 500 Metern überwunden: Die Nullgradgrenze läge in diesem gedachten Profil bei 1.000 Metern. Mit solchen Überlegungen lässt sich die Größenordnung einer Wetterlage verständlich machen.
Berechnet wurde damit jedoch nur die Nullgradgrenze eines angenommenen Temperaturprofils. Die Schneefallgrenze folgt daraus noch nicht. In der wirklichen Atmosphäre verändert sich die Temperatur nicht überall gleichmäßig; nahezu gleich warme Schichten oder Inversionen können dazwischenliegen. Auch die 0,6 Grad sind hier eine Rechenannahme und kein für jede Wetterlage gültiger Messwert. Starre Zuordnungen wie „minus fünf Grad in 850 hPa bedeuten Schnee ab 500 Metern“ täuschen deshalb eine Genauigkeit vor, die ein einzelner Höhenwert nicht liefern kann.
Das Thermometer allein erzählt nur einen Teil der Geschichte. Fällt Niederschlag in noch ungesättigte Luft, kann Wasser verdunsten; Eis kann direkt in Wasserdampf übergehen, also sublimieren. Diese Vorgänge benötigen Energie und kühlen die Niederschlagsteilchen und ihre Umgebung. Deshalb können Flocken in trockener Luft weiter in eine Schicht mit positiven Lufttemperaturen vordringen, als man beim Blick auf das Bodenthermometer erwarten würde.
Eine wichtige Hilfsgröße ist die Feuchtkugeltemperatur. Sie beschreibt, wie weit eine Luftprobe durch Verdunstung unter festgelegten Bedingungen abkühlen kann. In trockener Luft liegt sie unter der gewöhnlichen Lufttemperatur; bei Sättigung stimmen beide überein. Für Grenzfälle zwischen Regen und Schnee ist deshalb das vertikale Profil dieser Temperatur besonders aufschlussreich. Auch daraus wird aber kein universeller Schalter: Entscheidend bleibt, wie mächtig die warmen Schichten sind und wie sich das Profil während des Niederschlags verändert.
Wenn der Niederschlag seine Schneefallgrenze selbst senkt
Ein weiterer Prozess kann eine zunächst regnerische Wetterlage überraschend winterlich machen: Niederschlagsabkühlung. Schmelzende Flocken entziehen ihrer Umgebung Wärme. Bei anhaltendem Niederschlag kann sich dadurch eine immer mächtigere Luftschicht auf Temperaturen nahe null Grad abkühlen. Nachfolgende Flocken schmelzen auf ihrem Weg weniger stark, die Schneefallgrenze sinkt. Dafür muss nicht gleichzeitig neue Kaltluft heranströmen.
Besonders wirksam kann dieser Vorgang in windgeschützten Tälern sein. Dort steht unter vergleichbaren Bedingungen weniger Luft zur Verfügung, der die Schmelzenergie entzogen wird, als über einer ausgedehnten Ebene. Bleibt der Austausch mit milder Umgebungsluft schwach, kann aus Regen am Talboden allmählich nasser Schnee werden. Kräftiger Niederschlag allein garantiert diesen Effekt allerdings nicht: Frischt der Wind auf oder wird fortlaufend wärmere Luft herangeführt, kann die Erwärmung die Abkühlung ausgleichen oder übertreffen.
Die Warmluftschicht: Warum Frost nicht immer Schnee bedeutet
Besonders knifflig wird die Vorhersage, wenn die Temperatur mit der Höhe zeitweise zunimmt. Bei einer solchen Inversion kann eine kalte Luftschicht am Boden liegen bleiben, während darüber mildere Luft aufgleitet. Schneeflocken aus größerer Höhe geraten dann möglicherweise in eine warme Zwischenschicht und schmelzen. Ein negativer Wert am Boden oder auf einer einzelnen Druckfläche verrät noch nicht, ob dazwischen eine solche Schmelzschicht liegt.
Ist die kalte Schicht darunter flach, können die Tropfen unterkühlt den Boden erreichen und auf ausreichend kalten Oberflächen gefrieren: Es entsteht gefrierender Regen. Ist die Kaltluftschicht mächtig und kalt genug, können die Teilchen schon unterwegs zu Eiskörnern gefrieren. Meteorologen betrachten deshalb Temperatur und Feuchte über mehrere Höhen, etwa anhand von Radiosonden und Modellprofilen. Der gesamte Aufbau der Luftsäule entscheidet, welche Niederschlagsform unten ankommt.
Gleiche 850-hPa-Temperatur, ganz unterschiedliches Wetter
Bei minus vier Grad in 850 hPa sind beispielsweise verschiedene Verläufe denkbar. Über einer milden, feuchten Niederung kann die Schmelzschicht ausreichen, um die Flocken in Regen zu verwandeln. In einem geschützten Tal kann anhaltender Niederschlag die bodennahe Luft so weit abkühlen, dass Schnee fällt. Und in einer trockenen Region bleibt es trotz derselben Höhentemperatur vielleicht völlig niederschlagsfrei. Das sind mögliche Situationen, keine festen Schwellenwerte oder Ortsprognosen.
Zum Winterwetter gehören daher immer zwei Fragen: Ist die Luftsäule kalt genug, damit Schnee den Boden erreicht? Und entstehen zur passenden Zeit überhaupt Wolken und Niederschlag? Gerade hinter einer Kaltfront kommt die kälteste Luft manchmal erst an, wenn der größere Niederschlagsbereich bereits abgezogen ist. Die Temperaturkarte sieht dann winterlich aus, während vor Ort nur wenige Schauer folgen oder der Himmel aufklart.
So liest man Wetterkarten für eine Schneelage
Am Anfang steht der Blick auf die Luftmasse, danach auf den zeitlichen Ablauf. Vergleiche die Höhenkälte mit den ICON-D2-Wetterkarten: Treffen niedrige Temperaturen und Niederschlag am eigenen Ort tatsächlich zusammen? Achte auf Modelllauf und Gültigkeitszeit, denn Karten für unterschiedliche Stunden können eine scheinbare Schneelage zeigen, die in dieser Kombination gar nicht vorhergesagt wird. In Grenzfällen sind zusätzlich die örtliche Höhenlage, bodennahe Temperaturen und die Feuchte entscheidend.
Die ICON-EU-Karte zum Neuschnee in 24 Stunden ergänzt diesen Blick um die vom Modell berechnete Schneemenge. Sie zeigt einen Zeitraum und ersetzt weder das Temperaturprofil noch eine sichere Aussage zur späteren Schneedecke. Ob Schnee liegen bleibt, hängt auch von Untergrundtemperatur, Schneefallstärke und anschließender Erwärmung ab. Fallende Flocken und eine weiße Landschaft sind zwei unterschiedliche Ergebnisse. Für die Entwicklung der nächsten Wetterlagen lohnt sich ergänzend unser Bericht Wann fällt der erste Schnee?.
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